Kapitel 3

Gesicht, das

Im Bus zur Hochschule der Bildenden Künste Athen
Mischtechnik auf Papier
21 × 29.7  cm

Gesichter merke ich mir nicht so gut. Eigentlich müsste ich jeden dritten Menschen in der Stadt grüßen. Denn jeder dritte Mensch in der Stadt hat Merkmale, die ich mit bestimmten Personen verknüpfe. Das kann blondes Haar sein. Eine krumme Nase. Oder die Hautfarbe. Oder das Geschlecht. Oder ein grüner Pullover. Deshalb ist es anstrengend, durch die Stadt zu gehen.

Sehe ich eine Person, gehe ich einen Katalog an Merkmalen durch. Manchmal dauert das etwas länger. Wenn ich zu einem Ergebnis gekommen bin, ist die Person längst wieder weg.

In Leipzig kannte ich eine Person mit einer besonders markanten Nase. An einer Ampel stand mir eines Tages jemand mit einer besonders markanten Nase gegenüber. Als die Ampel grün wurde und wir uns auf der Straße begegneten, wollte ich schon zum Gruße nicken. Dann fiel mir aber ein: Letztens meinte er, dass eine Nasen-OP ansteht, weil er die besonders markante Nase nicht mag. Die besonders markante Nase konnte also nicht seine besonders markante Nase sein. Ich habe nicht gegrüßt.

Oft verknüpfe ich Personen auch mit Orten. Es kann also sein, dass ich einen ehemaligen Kommilitonen zwar in der Hochschule erkannt und gegrüßt habe. Liefe er mir heute in der Innenstadt entgegen, mir würde das Hochschulgebäude als Indiz fehlen. Es bedürfe einiger Treffen außerhalb der Hochschule, um die Person von diesem Ort zu entkoppeln.

Eine Zeit lang dachte ich, dass ich Menschen schon anhand ihrer Rückenansicht erkenne. Aber das habe ich aufgegeben müssen. In Berlin bin ich Personen mit dem Fahrrad hinterhergefahren, weil ich felsenfest davon überzeugt war, dass ich das gelockte Haar kenne. So habe ich damals Berlin erkundet.

Und was sagst du dazu?

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